GASTKOMMENTAR: Unterbewerteter Beruf

 

Es ist schon erstaunlich. Da wird seit mehr als zehn Jahren von allen Seiten auf die Bedeutung der ersten Lebensjahre eines Kindes hingewiesen, da wird „Bildung von Anfang an“ gefordert, da werden ökonomische Berechnungen vorgelegt, die hohe Renditen für Investitionen in die Entwicklung in den ersten Lebensjahren versprechen, da wird auf allen Ebenen das hohe Lied auf die frühen Jahre und die Erzieherinnen gesungen – aber ändern soll sich nichts.

Gut, eine leicht modernisierte Fachschulausbildung und etwas mehr Fortbildung darf es schon sein. Aber mehr bitte nicht. Zwar entwickeln auch die Arbeitgeber, sobald die Mikrofone abgeschaltet sind, einiges Verständnis für die Notwendigkeit einer Jahrhundertreform mit Blick auf die Fachkräfte für den ersten öffentlichen Bildungsort im Leben der Kinder. Doch in offiziellen Verlautbarungen hört sich das deutlich anders an. Zugespitzt: Kein Arbeitsfeld des Bildungswesens wurde in diesem Jahrhundert mit so hohen Erwartungen konfrontiert, mit so vielen neuen Anforderungen überschüttet wie das der Kindertageseinrichtungen. Migrationsförderung, Sprachförderung, Bildungs- und Lerngeschichten sowie neuerdings Inklusion sind nur einige Stichworte. Dennoch lautet der fast schon perfide Subtext: An der Höhenlage der Ausbildung und an der Bezahlung soll sich aber nichts ändern.

 

Doch genau hier stellen sich die entscheidenden Fragen. Eine wesentliche ist die des Maßstabs: Mit wem, bitteschön, will man eine Erzieherin in Zukunft vergleichen? Mit einer Floristin, einer Altenpflegerin oder einer Grundschullehrerin? Wenn man den Bildungsanteil der Arbeit ins Blickfeld rückt und damit der letzteren Antwort zuneigt, spricht vieles für einen „Aufstieg“ der Erzieherinnen, analog zum Aufstieg der Ausbildung von Lehrkräften und Sozialpädagogen, die schon seit einem halben oder ganzen Jahrhundert an Hochschulen auf ihre hochqualifizierte berufliche Bildungsarbeit vorbereitet werden.

 

Ein Grund, warum die Erzieherinnen seit Jahrzehnten auf der gleichen Stufe des Ausbildungssystems verharren, liegt darin, dass es sich – mehr als bei fast allen anderen Berufen – um einen (beinahe) reinen Frauenberuf handelt (s. auch S. 35). Und wahrscheinlich spukt in vielen Köpfen immer noch die Mutmaßung, für den Beruf der Erzieherin benötige man keine besonderen Kompetenzen. „Kann doch jede“, hat Alex Rühle diese Sichtweise in der „Süddeutschen Zeitung“ kürzlich prägnant zusammengefasst.

 

Doch diese Annahme stimmt nicht. Heute sollen Erzieherinnen Bildungsprozesse anregen und dokumentieren, sie sollen kindliche Entwicklungsverläufe beobachten und bei Schwierigkeiten unterstützen, sie sollen die herkunftsabhängigen Unterschiede in den ersten Lebensjahren ausgleichen, sie sollen auf Augenhöhe mit – häufig akademisch gebildeten – Eltern kommunizieren und vieles mehr. Nötig sind, um es abstrakt zu formulieren, Kompetenzen der Diagnose, der situativen, lebensweltlichen Bildung und Befähigung, der Gestaltung altersgerechten Lernens sowie Fähigkeiten zur wirkungsvollen Intervention; nötig ist eine Fähigkeit zur Dialoggestaltung auch mit schwierigeren Klienten, nötig ist Kooperationsfähigkeit im Umgang mit wissens- und entwicklungsheterogenen Gruppen, und nötig ist schließlich ein gekonnter Umgang mit institutionellen Rahmenbedingungen. All das braucht es, damit „frühe Bildung“ gelingen kann.

 

Wenn wir das anerkennen, spricht einiges dafür, den Status der Erzieherinnen zu verändern. Das kann individuell geschehen, indem sich einzelne Beschäftigte zusätzlich akademisch qualifizieren; es sollte aber gleichzeitig auch institutionell erfolgen, indem die Ausbildungen der Erzieherinnen in der Art der Wissensproduktion und -vermittlung allmählich an das Hochschulsystem herangeführt werden. Und es sollte sich endlich auch in Tarifverträgen niederschlagen, die stärker als bisher anerkennen, dass Erzieherinnen längst zu wichtigen Bildungsfachkräften geworden sind.

 

Thomas Rauschenbach,

Direktor Deutsches Jugendinstitut